Über Revolverheld

Ein Song beginnt mit den Worten „Hallo, Hallo“. Was bei anderen einem anbiedernden Winken gleichkäme, wird bei Revolverheld zum energischen Wachrütteln.

Ich kenne die Band erst seit „In Farbe“. Ja, ganz schön spät, ich weiß. Jahre verpasst. Andererseits, um den Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens mitzubekommen, gerade noch rechtzeitig. Dort sind sie nämlich gerade angekommen. Meine Meinung. Doch dazu später mehr.

Alles fing damit an, dass meine damals 6-jährige Tochter plötzlich „Spinner“-Textzeilen im Radio mitsingen konnte. Da wurde ich stutzig. Was ist es, was erreicht? Gut, das Wort ‚Spinner‘ wird oft wiederholt, das fand sie sicherlich lustig, aber war‘s das schon?

Ein knappes Jahr später lernte ich Johannes kennen - der Bremer unter den Hamburgern, der Mann mit der Stimme.
Wir saßen in einer unnötigen TV-Sendung und der einzige Mehrwert, der sich aus diesem Fernsehquatsch ziehen ließ, war die daraus entstandene Freundschaft. Strate ist kein Spinner. Vielleicht viel weniger als ihm lieb ist.

Ein paar Monate darauf vertraute er mir die Regie bei seinem Musikvideo an, wobei ich Gelegenheit bekam, die anderen Revolverhelden kennenzulernen. Wir drehten einen Clip zu seinem Soloalbum und für die Jungs war es eine Selbstverständlichkeit mit anzupacken. Beim Licht, beim Catering, als Fahrdienst, beim Material herumschleppen. Das nenne ich Freundschaft. So etwas überträgt sich. Auch in der Musik. Da vielleicht ganz besonders stark.

Mehrere 100.000 Alben haben sie bisher verkauft, die Republik hoch und runter beschallt. Mittlerweile sind sie in ihrem 13. Jahr. Es gibt wahrscheinlich nicht viele Bands dieser Generation, diesem Grad an Öffentlichkeit, die so lange zusammenarbeiten, füreinander da sind, sich gegenseitig unterstützen und beschlossen haben, gemeinsam daran zu wachsen. Wenn auf dem vorletzten Album noch „Ich werde nie erwachsen“ skandiert wird, muss ich unsere Helden enttäuschen: Daraus wurde nichts, denn in der Zwischenzeit wurden aus den Jungs Männer.

Beim Hören des letzten Studio-Albums „Immer in Bewegung“ schoss mir immer wieder der Begriff ‚Verantwortung‘ durch den Kopf. Verantwortung heißt ja bekanntlich, auf einen Impuls die richtige Antwort zu finden. Bei allen Songs wandeln die Revolverhelden auf dem musikalischen Pfad des Erwachsenwerdens, den Fragen des Lebens. Sie versuchen loszulassen, zu entschleunigen und „Neu anzufangen“. Sie treffen zielsicher in das Bulleye der Bedürfnisse ihrer Generation, ohne dass die Jüngeren unter ihren Fans Sorge haben müssen, nicht mehr mitgenommen zu werden. Mit jedem Song, jedem Beat, nahezu jeder Textzeile spürt man, wie es sie nach vorne drängt. Dass sich ihre Gier nach dem, was sich Leben nennt, nicht so leicht stillen lässt. Und falls es einer dennoch nicht gemerkt haben sollte, schreien sie es sich zur Sicherheit in „Immer in Bewegung“ gleich selbst von der Seele.

Dann ein Liebeslied, eine Ballade. Kein sich reimendes Geschnulze, sondern Werte wie Mitgefühl, Nächstenliebe und Loyalität stehen im Fokus. Das ist sexy und lässt die Schulter, an die frau sich anlehnen will, breiter werden.

Neulich spazierte ich mit Johannes, Kinderwagen schiebend durch den ‚Planten un Blomen‘-Park in Hamburg. Zufälligerweise trafen wir dabei Gitarrist Niels, der wiederum in kindlicher Vorfreude auf seinem Weg zum Tattoo-Studio war, um sich ein neues, selbstentworfenes Motiv stechen zu lassen.

Cool sind sie, die Revolverhelden. Fürsorglich, echt.

Und warum sie mir ganz besonders ans Herz gewachsen sind? Ängste und Selbstzweifel bekommen in ihrer Arbeit genau den Raum, der ihnen zusteht. Der Song „Aufhören mich zu verlieren“ erzählt von der Angst, sich zu verlieren, ohne dass Revolverheld dabei Gefahr läuft, im peinlichen Selbstmitleid zu versuppen. „Ich zerstöre, was ich liebe, schätze, plane, baue, tu und sehe mir lachend dabei zu“ - eine der eindrucksvollsten Lines auf dem Album.
Das muss man sich erst einmal trauen.

Die Authentizität in ihren Texten lässt sich nicht unterdrücken. An keiner Stelle wird der Versuch unternommen, gefällig zu sein. Und eben genau das gefällt, ist wertvoll und lässt hoffen.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum 6-Jährige Texte mitgröhlen, die sie noch gar nicht verstehen können. Da kommt was rüber, was berührt. Egal, ob man so tickt oder nicht.

Und wenn Johannes singt, dass da „Worte (sind), die bleiben“ vermutet er ganz richtig. An anderer Stelle fügt er hinzu: „Es fühlt sich richtig an für mich“ und auch da behält er Recht.

Gut gemacht, Männer. Sehr gut.

Jetzt könnt Ihr wieder in den Park gehen, den Kinderwagen schieben, Euch auf ein neues Tattoo freuen, den HSV und Werder anfeuern, Eure Frauen in den Arm nehmen, Konzerte spielen und darauf vertrauen, dass „Immer in Bewegung“ zu sein, mehr ist, als nur ‘der Weg ist das Ziel‘.

Oliver Wnuk, Schauspieler, Autor, Freund und Kneipenwirt beim MTV Unplugged in drei Akten.